Nein sagen lernen


„Nein“ sagen gehörte bis vor einigen Jahren nicht zu den Eigenschaften, mit denen ich mich hätte schmücken können. Ich war fleißig darum bemüht es allen möglichen Menschen in meinem Umfeld recht zu machen und dabei alle Ansprüche und Erwartungen zu erfüllen. Dabei verschwanden meine eigenen soweit, dass ich sie nicht einmal mehr hätte benennen können. Es kam der Tag, an dem die Anforderungen und die Arbeitsbelastungen so hoch waren, dass ich kein anderes Mittel mehr wusste als „NEIN“ zu sagen. Und wer hätte es gedacht? Ich hatte mir den undenkbar ungünstigsten Moment hierfür ausgesucht, mit dem undenkbar ungünstigsten Adressaten und einer nicht allzu charmanten Formulierung. Ein plumpes „nein“ eben.

 

Dank externer Unterstützung, die mir mein damaliger Arbeitgeber zu dieser Zeit zuteil werden ließ, lernte ich schnell wie ich dies zukünftig besser handhaben konnte. Wer waren die Personen in meinem beruflichen Umfeld, auf die es ankam? Wie konnte ich charmant eine Grenze setzen? Welche Aufgaben konnte ich delegieren? Und was von all den Themen war vielleicht auch einfach nur „nice to have“ und konnte in die Ablage für weniger intensivere Zeiten wandern?

  

Über die Zeit lernte ich authentischer, charmanter und geschickter meine Grenzen zu setzen. Ich blieb verbindlich, ging besser mit anderer Leute Erwartungen um und vor allem ging ich mit meinen eigenen Wartungen besser um und räumte ich mir selbst eine Priorität in meinem Leben ein. 

 

Gründe, warum man nicht nein sagen kann

Die Ursachen sich nicht gut abgrenzen und damit nicht gut „nein“ sagen zu können, sind nicht selten mit Ängsten verbunden. Über Ablehnung, darüber andere Menschen hängen zu lassen, keine Anerkennung zu bekommen, im nächsten Karriereschritt vergessen zu werden, … Angetrieben durch verborgene Glaubenssätze, die wie kleine Fräsmaschinen den eigenen Selbstwert immer weiter verkleinern. „Du bist nicht gut genug.“, „Du musst mehr tun, damit man dich mag.“, Wenn ich es nicht mache, dann macht es ja keiner.“ oder auch „Du musst Leistung bringen, damit du etwas wert bist.“ gehören zur Riege der fatalen Glaubenssätze, die manch einen schon weit über seine eigenen Grenzen des Machbaren gedrängt haben.

 

Auch gibt es Menschen, bei denen das Arbeitsaufkommen derart hoch ist, dass sich dies reell niemals in einem angemessenen und gesunden Zeitrahmen bearbeiten ließe. Aufgaben werden mit Fristen belegt, der Druck steigt diese einzuhalten und gleichzeitig ordentliche Arbeit abzuliefern. Und mit diesem Druck steigt auch der Stresspegel wie in einem Strudel. Was bleibt ist der Versuch, doch noch auf magische Weise alle Aufgaben rechtzeitig erledigt zu bekommen. 

 

Was spielt das eigene Selbstwertgefühl für eine Rolle?

Meiner Erfahrung nach die wichtigste. Denn das eigene Selbstwertgefühl zu stärken, das Erlenen des Grenzen Setzens und damit der neuen Möglichkeit auch „nein“ sagen zu können, gehen miteinander her. In der Essenz geht es darum sich selbst einen höheren Stellenwert im eigenen Leben zu geben. Ein Verständnis für sich selbst zu entwickeln, zu erkennen wo die eigenen Grenzen liegen. Zu verstehen in welchem Maß es gesund ist diese zu überschreiten und für wie lange. In dem Moment, in dem ein Verständnis darüber erlangt wurde, was im Bereich des Möglichen liegt und was weit darüber hinaus, haben wir die Möglichkeit sie klar zu kommunizieren. Sie öffnet so auch die Türen Erwartungshaltungen besser handhaben zu können, eigene und auch fremde. Denn was mir in meiner Laufbahn auch immer wieder passierte war, dass manch ein Vorgesetzter oder Kollege sich nicht darüber im Klaren war, dass das Fass des Machbaren schon lange überquoll. Erst mit der ehrlichen Kommunikation konnte dies reguliert werden. Tatsächlich kommt es auch vor, dass Menschen einem dann unverblümt mitteilen, man sei nicht gut genug für den Job, nicht engagiert genug oder ähnliches. Und genau an dieser Stelle spielt das Selbstwertgefühl eine besonders wichtige Rolle. Denn es ist das, was uns dazu bringt, auf unseren Instinkt zu hören, uns selbst zu schützen und selbst für uns einzustehen. Ein leichtes Unterfangen? Nein. Es erfordert Mut, eine Änderung der eigenen Haltung, eine Neuausrichtung der eigenen Denkweise, eine Anpassung der Verhaltensweisen. Wie alles, was es neu zu lernen gibt, benötigt dies ein wenig Übung. Menschen um einen herum sind bestimmte Verhaltensweisen gewohnt, somit wird sich mit dem neu gewonnenen Selbstbewusstsein auch die Dynamik im Umfeld verändern.

 

Was ich jedoch auch über die Zeit erfahren habe ist, dass sich dieses Selbstwertgefühl durchaus positiv auswirkt. Es begegnet uns bei Menschen, die beispielsweise im geschäftlichen Kontext klar aussprechen ob etwas gerade machbar ist oder nicht und auch realistisch sagen, wann und ob mit einer Rückmeldung zu rechnen ist. Und wie von Zauberhand erledigen sich manche Dinge dann ganz von allein. 

 

Wie kann man nein sagen lernen

Ein Ansatz ist herauszufinden, was eigentlich alles auf einen einprasselt. Welches sind die Themen, die jeden Tag auf der Liste der Dinge erscheinen, die gerne erledigt werden möchten? Ebenso gilt es herauszufinden, welche Anforderungen jemand an sich selbst stellt und welche Anforderungen von Dritten herangetragen werden. Bei Letzterem gilt es dann auch zu unterscheiden, ob dies tatsächlich ausgesprochene Erwartungen sind oder mehr solche, von denen jemand denkt, sie würden erwartet. Ebenso gilt es zu verstehen, was einen eigentlich antreibt, in diesem Sinne also die eigenen Werte und auch Glaubenssätze, gute und nicht so förderliche. Und den nicht förderlichen Glaubenssätzen dann einen Platz auf der imaginären, mentalen Parkbank einzuräumen, damit die förderlichen Glaubenssätze, die das Selbstbewusstsein stärken, mehr Platz auf der imaginären, mentalen Wiese haben, um sich frei auszutoben. Es geht darum ein Bewusstsein für sich zu schaffen, wozu jemand eigentlich „ja“ sagt, wenn bestimmte Dinge abgelehnt werden. Dann geht es darum Formulierungen zu finden, mit denen sich charmant und bestimmt Grenzen setzen lassen. Und nicht zuletzt wird es bei manch einem auch darum gehen die neuen Verhaltensweisen nicht gleich wieder über Board zu werfen, wenn um einen herum der Sturm im Wasserglas tobt. Denn mit Sicherheit wird es Menschen geben, denen ein „nein“ bitter schmeckt.

 

 

Meine Erfahrungen

Grenzen zu setzen und auch ein „nein“ äußern zu können, hat für mich persönlich völlig neue Horizonte eröffnet. Es war einer der Schritte das Ruder in meinem Leben wieder in die Hand zu nehmen und nicht mehr nur als erster Offizier das ausführende Organ für fremde Ordern zu sein. Durch die neu gewonnene Klarheit hat sich das Zusammenspiel mit meinem Umfeld verändert und zum größten Teil deutlich verbessert. Es hat mir neue Freiräume geschaffen, in denen ich Batterien auftanken konnte, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, weil im Büro noch etwas zu erledigen war und der Wäschehaufen gerne verarbeitet werden wollte. Es war der Moment als ich fremde Schuldgefühle bei Seite schob und somit meiner Gesundheit und meinen eigenen Bedürfnissen den Platz gab, den sie im Leben verdient hatten. 

 

 

Sie möchten besser mit Erwartungen umgehen, sich abgrenzen und damit Zeit für sich einräumen können? Ich unterstütze Sie gerne dabei den Weg dorthin auf Ihre ganz persönliche Weise zu definieren.