Unterforderung im Job - Boreout


Unterforderung ist in der Kategorie der Schwergewichte einzusortieren. Im Zusammenhang mit einer gesunden Work Life Balance wird größtenteils der Aspekt der anhaltenden Überforderung in Betracht gezogen. Doch was, wenn die Langeweile sich langsam, aber beständig schwer auf Psyche und Körper legt? Sie bringt die Ausgeglichenheit zwischen Berufs- und Privatleben ebenso ins Wanken wie anhaltendes Arbeiten in Hochgeschwindigkeit. Als würde sich ein Elefant auf die eine Seite der Apothekerwaage setzen und einem die anderen Schale mit Vollkaracho um die Ohren fliegen.

 

Staunende Gesichter beim Thema Boreout „Das gibt es?“. Ja! In einer Umfrage der BAuA (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin) aus dem Jahr 2016 gaben mehr als 13 Prozent der über 17.000 befragten Teilnehmer an sich in ihrer Arbeit fachlich unterfordert zu fühlen, weitere 5 Prozent mangelt es an Arbeitsaufkommen. Reaktionen auf Boreouts ranken zwischen Unverständnis und Sätzen, die mit „ja, aber…“ beginnen. De facto zeichnen sich die negativen Auswirkungen einer chronischen Unterforderung jedoch ähnlich ab wie die einer anhaltenden Überforderung.

 

Welche Merkmale von Unterforderung gibt es?

„Fang mal langsam an und les‘ dich ein.“ Klang nach einem entspannten Einstieg und einer angenehmen Abwechslung zur pausenlosen Hektik des vorherigen Jobs. In etwa 47 Fachartikel später, kam die Bitte nach einer wertschöpfenden Aufgabe. „Komm erst einmal noch weiter an!“ war die ernüchternde Antwort. Einige Wochen später hatte sich ein Bild des gesprächigen Schweigens im Alltag etabliert, wenn es Aufgaben gab, dann solche, deren Mehrwert ein Auszubildender im ersten Lehrjahr hätte erledigen können. „Trauen die mir nicht mehr zu?“

 

Unmut machte sich breit und mit ihr eine Schwerfälligkeit, welche die Beine morgens kaum aus dem Bett kommen ließ. Welche Motivation sollte es geben zu einer Arbeit zu gehen, bei der sich keinerlei Mehrwert schaffen ließ? Eigens genannte Vorschläge zur Bearbeitung im Keim erstickt, schlichen die Tage dahin, die Uhr zum neuen Feind ernannt, schien sie die Zeiger extra langsam zu bewegen.

  • Aufgaben, die den eigenen Horizont permanent weit unterschreiten,
  • ein viel zu geringes Arbeitsaufkommen, damit verbundene Langeweile und
  • Desinteresse an übertragenen Aufgaben

Sie gehören zu den Hauptmerkmalen von Unterforderung im Job. Faulpelze? Weit gefehlt! Denn der Wille einen Beitrag im Unternehmen zu leisten und sich damit mit all seinem Wissen und Fähigkeiten einbringen zu können, ist bei den meisten Menschen gegeben.

 

Was dann jedoch nicht selten beginnt ist ein Versteckspiel. Sind die Versuche etwas zu verbessern, mehr Aufgaben zu bekommen oder solche, die Hirnschmalz benötigen, im Sande verlaufen, fangen viele Betroffene an sich zu verstecken. Angst vor Jobverlusten,

  • Angst vor Jobverlusten
  • Angst nicht zu genügen
  • das Gefühl wertlos zu sein
  • das eigene Können in Frage stellen

gehören zu den Faktoren, die Betroffene in einen Teufelskreis bringen. So beginnen Menschen mit Boreout ihre Langeweile am Arbeitsplatz häufig zu cachieren. Tabellen sind offen, Dokumente liegen auf dem Tisch, die im Zweifel davon ablenken sollen, dass hier jemand langsam an Leere aushungert. Kaum einer hat ein ernsthaftes Interesse daran Lebenszeit sinnlos zu verplempern. Mit jedem Tag mehr in diesem Zustand wächst auch die Angst davor sich auf andere Arbeitsstellen zu bewerben. Bedenken machen sich breit, wie sich das Nichtstun überdecken ließe.

 

Welche Folgen kann tägliche Langeweile haben?

Ein Boreout schleicht sich langsam an. Die Motivation etwas zu bewegen, das Ringen nach Aufgaben, Versuche sich einzubringen, sie dauern an. Mit jedem versiegten Vorstoß wachsen die Symptome eines Boreouts. Die Folgen dessen sind mitunter so schwerwiegend wie die des Gegenpols im Burnout. "Die Betroffenen fühlen sich ausgelaugt, unzufrieden und sind frustriert, weil die Anerkennung fehlt, weil sie ihr Wissen nicht anwenden können." schreiben Philippe Rothlin und Peter R. Werder in ihrem Buch „Diagnose Boreout“.

 

Der damit einhergehende Motivationsverlust und die Antriebslosigkeit bleiben bei vielen jedoch nach Feierabend nicht im Büro liegen. Sie kommen mit nach Hause und machen sich im Privatleben breit, in der die Trägheit des Tages sich auch auf den Elan für andere Vorhaben auswirkt. Rothlin und Werder führen in ihrem Buch weiter aus, dass Müdigkeit, Introvertiertheit und das Gefühl der Hoffnungslosigkeit Folgen eines Boreouts sein können. Ab einem gewissen Punkt feuern Selbstzweifel den Zustand weiter an.

 

Das können Sie tun

Auch wenn Ängste auf beiden Seiten bestehen, sollte das Gespräch mit dem Arbeigeber gesucht werden. Mitunter ist das Manko in Firmen nicht bewusst und es kann eine Lösung gefunden werden. Unternehmensinterne Gespräche fruchten jedoch manchmal auch nicht. Einerseits wird sich auch von Unternehmensseite schwer getan zuzugeben, dass bestimmte Aufgabenbereiche nicht mehr hergeben und Mitarbeiter in bestimmten Positionen vollkommen überqualifiziert und unterfordert sind. Hinhalte-Taktiken mit geschönten Aussichten veranlassen Mitarbeiter länger als nötig auszuharren. Anderseits scheuen auch manche Mitarbeiter offene Gespräche in Sorge darum, ihre Arbeitsstelle wegrationiert zu bekommen.

 

Die Krux bei der Sache verhält gleich wie beim Burnout. Ein Verständnis dafür zu entwickeln, wann der Zustand der andauernden Unterforderung oder eben auch Überbelastung von einer vorrübergehenden Phase zu einem Dauerzustand anhält. Mentale und körperliche Symptome frühzeitig zu erkennen und sich ehrlich die Fragen zu stellen „Ist es das, was ich will?“, „Wie verändert mich dieser Zustand?“, „Was will ich wirklich?“. Hierbei ist es wichtig seine eigenen Wünsche klar zu definieren und sich anhand dessen innerhalb des Unternehmens oder eben auch außerhalb zu orientieren. Den vermeintlichen Kinken im Lebenslauf außer Acht zu lassen („Ich bin ja erst ein paar Monate da“, „Wie sieht das denn aus, schon wieder neuer Job“…), der Intuition zu folgen und das zu tun, was für einen gut ist. Denn kein körperlich oder seelisch anhaltender Belastungszustand ist es wert in einer Position auszuharren, die sich dauerhaft negativ auf das eigene Leben auswirkt. Unter dem Strich zählt nicht das, was in einem tabellarischen Lebenslauf stand, sondern die eigene Selbstfürsorge und das, was wir aus den Herausforderungen gemacht haben.